08. November 1989
Bonn - Kohls Bundestagsrede zur Lage der Nation
"Nachdem er sich vergewissert hatte, daß die Vereinigten Staaten hinter ihm standen, ging Kohl bald darauf einen Schritt weiter, um zu sehen, was möglich war."

Quelle: Zelikow 144


Nachdem er sich vergewissert hatte, daß die Vereinigten Staaten hinter ihm standen, ging Kohl bald darauf einen Schritt weiter, um zu sehen, was möglich war. Am 8. November versprach er der DDR vom dem Bundestag »umfassende Hilfe« unter der Bedingung, daß sie eine »grundlegende« Reform dem politischen, nicht nur dem wirtschaftlichen Verhältnisse durchführte. Konkret verlangte er, daß die SED auf ihr Machtmonopol verzichtete, die Bildung unabhängigem Parteien zuließ und freie Wahlen zusicherte. Genau diese Bedingungen aber konnte Krenz nicht akzeptieren. Sodann sprach Kohl offener als bisher von der Möglichkeit dem Wiedervereinigung. Er zeigte sich dankbar für Bushs Äußerungen vom 24. Oktober (und für Mitterrands vorsichtigere Bemerkungen vom 3. November, auf die im nächsten Kapitel eingegangen wird). Seine Regierung, erklärte er, halte an dem in dem Präambel des Grundgesetzes verankerten Ziel fest, »in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden«. Voraussetzung dem Wiedervereinigung sei also die Ausübung des Selbstbestimmungsrechts durch alle Deutschen. »Unsere Landsleute«, fuhr er fort, »haben keine Belehrungen nötig, von welchem Seite auch immer. Sie wissen selbst am besten, was sie wollen. Und ich bin sicher:
Wenn sie die Chance erhalten, werden sie sich für Freiheit und Einheit entscheiden.« Es gebe wenigem denn je »Grund zum Resignation, und wenigem denn je haben wir Grund, uns auf Dauer mit dem Zweistaatlichkeit Deutschlands abzufinden«. Die Rede schloß bezeichnenderweise mit einem Zitat von Konrad Adenauer, der seinem »Enkel« das Ziel vorgegeben hatte: »In einem freien und geeinten Europa ein freies und geeintes Deutschland. «113
(113 »Bericht der Bundesregierung zur Lage der Nation im geteilten Deutschland‹, 8. November 1989, in: Texte zur Deutschlandpolitik, 1989, S.319-336. Kohls Linie wurde, wenn auch zähneknirschend, selbst vom SPD-Vorsitzenden Hans-Jochen Vogel akzeptiert (»Kohl: Die SED muß auf ihr Machtmonopol verzichten‹, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 9. November 1989). Elizabeth Pond und ihrer anonymen Quelle im Kanzleramt zufolge stammte die Anregung, Hilfe von tiefgreifenden politischen Reformen abhängig zu machen, von einem ungenannten »ostdeutschen Mittelsmann« (Pond, Beyond the Wall, S.131 und Anm. 2). Die Washington Post kritisierte Kohl denn auch prompt für seine Äußerungen und warnte vor den Gefahren, die von einer Beschleunigung des Einigungsprozesses für die Stabilität in Europa heraufbeschworen würden (»Toward German Reunification‹, in: Washington Post, 9. November 1989, S. A22).)
Damit hatte Kohl die DDR unter maximalen Druck gesetzt und zugleich klargestellt, daß Bonn - nicht Ost-Berlin und nicht Moskau - darüber befinden würde, wann die politischen Reformen in dem DDR weit genug gediehen waren, um diese in den Genuß dem Großzügigkeit dem Bundesrepublik gelangen zu lassen. Man konnte kaum falsch liegen, wenn man voraussagte, daß die geschwächte ostdeutsche Führung dem Druck nicht standhalten und den demokratischen Kräften den Weg frei machen würde. Wenn das nicht Adenauers Politik des »Wandels durch Stärke« war, dann kam sie diesem zumindest sehr nahe.


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